Wenn die Temperaturen steigen, wird ausreichendes Trinken besonders wichtig. Durch das Schwitzen verliert der Körper mehr Flüssigkeit als gewöhnlich. Das kann sich auf Kreislauf, Konzentration und Leistungsfähigkeit auswirken.
Eine aktuelle Studie weist nun darauf hin, dass der Flüssigkeitshaushalt möglicherweise auch beeinflusst, wie stark unser Hormonsystem auf psychischen Stress reagiert.
Das Überraschende: Menschen, die gewohnheitsmäßig wenig tranken, fühlten sich während einer belastenden Situation nicht gestresster als Vieltrinker. Auch ihre Herzfrequenz stieg nicht stärker an. Trotzdem fiel ihre Cortisolreaktion deutlich höher aus.
Gerade während einer Hitzewelle könnte dieser Zusammenhang besonders relevant sein.
Hitze fordert den Körper
An heißen Tagen muss der Körper seine Temperatur möglichst konstant halten. Dazu wird die Haut stärker durchblutet und Schweiß gebildet. Verdunstet der Schweiß auf der Haut, entsteht Kühlung.
Dabei gehen jedoch Flüssigkeit und je nach Ausmaß des Schwitzens auch Elektrolyte verloren. Der Kreislauf wird stärker beansprucht, der Schlaf kann leiden und viele Menschen fühlen sich müde oder weniger belastbar.
Wer ohnehin wenig trinkt, kann bei hohen Temperaturen daher schneller in eine knappe Flüssigkeitsversorgung geraten. Kommen Zeitdruck, berufliche Anforderungen oder andere Belastungen hinzu, muss der Organismus mehrere Herausforderungen gleichzeitig bewältigen.
Was hat Cortisol mit dem Wasserhaushalt zu tun?
Cortisol wird häufig nur als Stresshormon bezeichnet. Tatsächlich ist es ein lebenswichtiges Hormon, das dem Körper hilft, sich an Belastungen anzupassen.
In einer herausfordernden Situation trägt Cortisol unter anderem dazu bei, Energie bereitzustellen und den Organismus kurzfristig leistungsfähig zu machen. Bei einer gut regulierten Stressreaktion steigt der Cortisolspiegel an und sinkt anschließend wieder ab.
Der Wasserhaushalt wird unter anderem durch das Hormon Vasopressin reguliert. Wenn dem Körper wenig Flüssigkeit zur Verfügung steht, sorgt Vasopressin dafür, dass die Nieren weniger Wasser ausscheiden. Der Urin wird dadurch konzentrierter.
Vasopressin ist jedoch nicht nur am Wasserhaushalt beteiligt. Es kann gleichzeitig die hormonelle Stressachse aktivieren und dadurch die Ausschüttung von Cortisol unterstützen.
Damit gibt es eine mögliche Verbindung zwischen einer knappen Flüssigkeitsversorgung und der körperlichen Stressreaktion.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Für die 2025 veröffentlichte Studie wurden 32 gesunde Erwachsene ausgewählt, die entweder gewohnheitsmäßig besonders wenig oder besonders viel tranken.
Die Gruppe mit niedriger Flüssigkeitsaufnahme nahm im Durchschnitt etwa 1,3 Liter Getränke pro Tag zu sich. In der Vergleichsgruppe waren es durchschnittlich etwa 4,4 Liter. Erfasst wurden sämtliche Getränke, nicht nur Wasser.
Die Teilnehmer behielten ihre gewohnte Trinkmenge zunächst für eine Woche bei. Der Flüssigkeitshaushalt wurde unter anderem anhand der Urinkonzentration und der Urinfarbe überprüft. Bei den Wenigtrinkern war der Urin deutlich stärker konzentriert.
Anschließend absolvierten alle Teilnehmer den sogenannten Trier Social Stress Test. Dabei handelt es sich um ein etabliertes Verfahren, mit dem im Labor gezielt eine psychisch belastende Situation erzeugt wird.
Die Teilnehmer mussten vor einer neutral reagierenden Jury frei sprechen und anspruchsvolle Rechenaufgaben lösen. Vor, während und nach dem Test wurden Speichelproben genommen, um den Verlauf des Cortisolspiegels zu bestimmen. Zusätzlich wurden die Herzfrequenz und das subjektive Stressempfinden erfasst.
Gleicher Stress – unterschiedliche hormonelle Reaktion
Beide Gruppen empfanden die Situation als ähnlich belastend. Auch ihre Herzfrequenz stieg in vergleichbarem Maße an.
Auf hormoneller Ebene zeigte sich jedoch ein deutlicher Unterschied: Bei den Teilnehmern mit niedriger Flüssigkeitsaufnahme stieg das Cortisol im Durchschnitt um 6,2 Nanomol pro Liter. In der Gruppe mit hoher Flüssigkeitsaufnahme betrug der Anstieg durchschnittlich 4,0 Nanomol pro Liter.
Rechnerisch fiel die Cortisolreaktion bei den Wenigtrinkern damit etwa 55 Prozent stärker aus.
Außerdem zeigte sich ein Zusammenhang mit der Urinkonzentration: Je konzentrierter der Urin war, desto stärker fiel tendenziell der Cortisolanstieg aus.
Die Zahl von 55 Prozent bedeutet allerdings nicht, dass wenig Trinken das persönliche Stressempfinden oder das Erkrankungsrisiko um 55 Prozent erhöht. Sie beschreibt lediglich den relativen Unterschied zwischen den durchschnittlichen Cortisolanstiegen der beiden Gruppen.
Was bedeutet das für eine Hitzewelle?
Die Studie wurde nicht während einer Hitzewelle durchgeführt. Sie beweist daher nicht, dass hohe Temperaturen die Cortisolreaktion automatisch verstärken.
Der Zusammenhang ist dennoch interessant. Bei Hitze steigt der Flüssigkeitsbedarf, weil der Körper mehr Wasser über die Haut und die Atmung verliert. Wer bereits im Alltag wenig trinkt, kann deshalb an heißen Tagen schneller einen ungünstigen Hydratationszustand entwickeln.
Gleichzeitig ist die Hitze selbst eine körperliche Belastung. Der Kreislauf wird gefordert, die Schlafqualität kann abnehmen und die Konzentration lässt bei vielen Menschen nach.
Es erscheint daher plausibel, dass eine unzureichende Flüssigkeitsversorgung in solchen Phasen zusätzlich ins Gewicht fällt. Ob sie die Cortisolreaktion während einer Hitzewelle tatsächlich verstärkt, müsste jedoch in weiteren Studien untersucht werden.
Die 4,4 Liter sind keine Empfehlung
Aus der Studie lässt sich keinesfalls ableiten, dass jeder Mensch täglich mehr als vier Liter trinken sollte.
Die Forscher wollten keine optimale Trinkmenge bestimmen. Sie verglichen lediglich Menschen mit bereits bestehenden, sehr unterschiedlichen Trinkgewohnheiten. Personen mit einer mittleren Flüssigkeitsaufnahme waren in dieser Untersuchung nicht vertreten.
Der individuelle Bedarf hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem Körpergröße, Alter, Ernährung, körperliche Aktivität, Umgebungstemperatur und Schweißverluste.
Als allgemeine Orientierung werden für Erwachsene häufig etwa 1,5 Liter Getränke am Tag genannt. Bei Hitze, Sport, Fieber oder starkem Schwitzen kann der Bedarf deutlich steigen. Auch wasserreiche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Joghurt oder Suppen tragen zur Versorgung bei.
Menschen mit Herz- oder Nierenerkrankungen oder einer ärztlich angeordneten Flüssigkeitsbeschränkung sollten ihre Trinkmenge allerdings nicht eigenmächtig erhöhen.
Regelmäßig trinken statt große Mengen nachholen
Die Studie zeigt nicht, dass ein Glas Wasser unmittelbar vor einem schwierigen Gespräch, einer Prüfung oder einem Vortrag die Cortisolreaktion verhindert.
Untersucht wurde die gewohnheitsmäßige Flüssigkeitsaufnahme. Wahrscheinlich ist daher weniger das gelegentliche Trinken großer Mengen entscheidend als eine regelmäßige Versorgung über den Tag.
Hilfreich kann es sein, Getränke sichtbar bereitzustellen, zu den Mahlzeiten grundsätzlich etwas zu trinken oder das Trinken mit festen Alltagssituationen zu verbinden.
Gerade ältere Menschen sollten sich nicht ausschließlich auf ihr Durstgefühl verlassen, da dieses mit zunehmendem Alter häufig nachlässt.
Auch die Urinfarbe kann eine grobe Orientierung bieten. Ein über den Tag dauerhaft sehr dunkler und konzentrierter Urin kann auf eine knappe Flüssigkeitsversorgung hinweisen. Der erste Morgenurin ist allerdings natürlicherweise konzentrierter. Zudem können Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und bestimmte Lebensmittel die Farbe verändern.
Vereinbaren Sie gerne ein kostenfreies 15-minütiges Kennenlerngespräch. Dieses dient ausschließlich dem gegenseitigen Kennenlernen und der gemeinsamen Frage, ob eine Begleitung für Sie passend sein könnte.
Quelle
Kashi DS, Hunter M, Edwards JP et al. Habitual fluid intake and hydration status influence cortisol reactivity to acute psychosocial stress. Journal of Applied Physiology. 2025; 139(3): 698–708. DOI: 10.1152/japplphysiol.00408.2025.