Chronobiologie Teil 6: Altern Frauen anders als Männer?

Silhouetten einer Frau und eines Mannes vor einem blauen Hintergrund mit verschwommenen Lichtspuren als Symbol für das Vergehen der Zeit

Wenn die biologische Uhr ihren Rhythmus verändert

Warum unser Körper nicht überall gleich schnell altert und welche Rolle Hormone, Stoffwechsel und unsere inneren Uhren dabei spielen.

Wir alle werden jeden Tag ein wenig älter. Das ist zunächst eine einfache Tatsache. Doch biologisch betrachtet ist das Altern alles andere als ein gleichmäßiger Prozess. Während manche Körperfunktionen über viele Jahre erstaunlich stabil bleiben, verändern sich andere bereits deutlich früher. Und offenbar spielt es dabei auch eine Rolle, ob wir Frau oder Mann sind.

Lange Zeit wurde das Altern vor allem als kontinuierlicher Prozess betrachtet. Mit zunehmendem Lebensalter lassen körperliche Leistungsfähigkeit und Regenerationsvermögen allmählich nach, Stoffwechselprozesse verändern sich und das Risiko für bestimmte Erkrankungen steigt.

Doch neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen ein differenzierteres Bild. Unser Körper altert nicht als Ganzes in einem einheitlichen Tempo. Vielmehr folgen verschiedene Organe und biologische Systeme eigenen zeitlichen Mustern.

Besonders interessant ist dabei die Beobachtung, dass sich diese Muster zwischen Frauen und Männern unterscheiden können.

Was verraten unsere Blutwerte über unser biologisches Alter?

Eine 2024 in der Fachzeitschrift Nature Aging veröffentlichte Untersuchung ging genau dieser Frage nach.

Im Rahmen des Human Phenotype Project werteten Wissenschaftler umfangreiche Gesundheitsdaten von rund 10.000 Menschen im Alter zwischen 40 und 70 Jahren aus. Berücksichtigt wurden zahlreiche Merkmale, darunter Blutfette, Knochendichte, Leber- und Nierenfunktion, Körperzusammensetzung sowie Schlafparameter.

Mithilfe statistischer Modelle untersuchten die Forschenden, wie gut sich das Lebensalter anhand dieser biologischen Messwerte vorhersagen ließ.

Dabei zeigte sich ein bemerkenswerter Unterschied.

Die Zusammensetzung der Blutfette stand bei Frauen wesentlich stärker mit dem Lebensalter in Zusammenhang als bei Männern. Während sich bei Frauen etwa 51 Prozent der Altersunterschiede statistisch durch die untersuchten Fettwerte erklären ließen, waren es bei Männern nur rund 31 Prozent.

Dabei handelte es sich nicht nur um die üblichen Cholesterinwerte, die wir von einer Blutuntersuchung beim Hausarzt kennen. Die Wissenschaftler untersuchten eine Vielzahl unterschiedlicher Fettmoleküle im Blut und konnten daraus charakteristische Veränderungen erkennen.

Besonders interessant war, dass sich diese Muster bei Frauen um das 50. Lebensjahr auffällig veränderten. Bei Männern zeigte sich dieser Verlauf nicht in gleicher Weise. Die Forschenden sehen darin einen möglichen Zusammenhang mit der hormonellen Umstellung in den Wechseljahren.

Auch bei der Knochendichte, der Leber- und Nierenfunktion sowie verschiedenen Schlafparametern fanden sich stärkere altersbezogene Zusammenhänge bei Frauen.

Heißt das nun, dass Frauen grundsätzlich schneller altern?

Nein. Die Ergebnisse bedeuten zunächst, dass bestimmte biologische Merkmale bei Frauen stärker mit dem kalendarischen Alter zusammenhängen. Daraus lässt sich nicht unmittelbar ableiten, dass ihr gesamter Organismus schneller altert.

Aber die Untersuchung macht deutlich, dass Altern offenbar keinem einheitlichen biologischen Zeitplan folgt.

Die biologische Uhr kennt mehr als einen Rhythmus

Wenn wir von unserer inneren Uhr sprechen, denken wir meistens an den Tag-Nacht-Rhythmus.

Unsere zirkadiane Uhr steuert zahlreiche Prozesse, darunter den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Körpertemperatur, die Ausschüttung verschiedener Hormone und die zeitliche Organisation unseres Stoffwechsels.

Doch neben diesen ungefähr 24-stündigen Rhythmen gibt es weitere biologische Zeitstrukturen.

Hormonelle Veränderungen im Verlauf des Menstruationszyklus gehören ebenso dazu wie die Entwicklung während der Pubertät oder die langfristigen Veränderungen, die mit dem Älterwerden verbunden sind.

Diese Prozesse sind nicht identisch mit dem zirkadianen Rhythmus. Dennoch beeinflussen sie sich gegenseitig.

Unsere innere Uhr bestimmt beispielsweise mit, zu welcher Tageszeit bestimmte Hormone ausgeschüttet werden. Umgekehrt können hormonelle Veränderungen die Schlafregulation und möglicherweise auch Eigenschaften des zirkadianen Systems beeinflussen.

Besonders deutlich wird dieses Zusammenspiel in Lebensphasen, in denen sich die hormonellen Rahmenbedingungen grundlegend verändern.

Bei Frauen ist die Menopause ein solcher Übergang.

Warum die Menopause einen biologischen Wendepunkt darstellen kann

Während sich viele altersabhängige Veränderungen bei Männern über längere Zeiträume entwickeln, erleben Frauen mit der Menopause eine vergleichsweise ausgeprägte hormonelle Umstellung.

Die Produktion von Estradiol nimmt deutlich ab. Gleichzeitig verändert sich das Zusammenspiel weiterer Hormone, die an der Regulation verschiedener Körperfunktionen beteiligt sind.

Estradiol ist jedoch weit mehr als ein Fortpflanzungshormon.

Östrogenrezeptoren finden sich in zahlreichen Geweben, darunter Knochen, Gefäße, Leber, Fettgewebe und Gehirn. Entsprechend vielfältig sind die Prozesse, auf die Östrogene Einfluss nehmen können.

Der Rückgang der Östrogenproduktion betrifft deshalb nicht nur den Menstruationszyklus, sondern kann auch Veränderungen im Fettstoffwechsel, in der Körperzusammensetzung, im Knochenstoffwechsel und in der Schlafregulation begleiten.

Interessanterweise verlaufen diese Veränderungen nicht unbedingt gleichzeitig.

Manche Frauen bemerken zunächst Schlafprobleme, während sich Veränderungen der Blutfettwerte oder der Knochendichte erst später zeigen.

Andere erleben kaum typische Wechseljahresbeschwerden, obwohl sich bestimmte Stoffwechselparameter bereits verändert haben.

Die Menopause ist deshalb kein einzelner biologischer Schalter, der von einem Tag auf den anderen umgelegt wird. Sie beschreibt vielmehr einen Übergang, in dem sich verschiedene Regulationssysteme neu einstellen.

Warum Blutfette bei Frauen besonders viel über das Alter verraten

Ein besonders interessantes Ergebnis der Studie betrifft den Fettstoffwechsel.

Bei Männern steigen die LDL-Cholesterinwerte häufig bereits im jüngeren Erwachsenenalter an und erreichen im mittleren Lebensalter ein relativ stabiles Niveau.

Bei Frauen zeigt sich dagegen häufig ein anderer Verlauf.

Vor der Menopause liegen ihre LDL-Werte durchschnittlich niedriger als bei gleichaltrigen Männern. Rund um die Menopause steigen sie jedoch häufig weiter an und können anschließend die Werte der Männer übertreffen.

Dieser Unterschied lässt sich auch in amerikanischen Bevölkerungsdaten der NHANES-Erhebungen beobachten.

Östrogene beeinflussen unter anderem die Regulation des Cholesterinstoffwechsels in der Leber. Sinkt ihre Konzentration, kann sich dadurch auch die Zusammensetzung der Blutfette verändern.

Natürlich spielen weiterhin Ernährung, genetische Faktoren, körperliche Aktivität und Körpergewicht eine wichtige Rolle.

Dennoch zeigt dieses Beispiel sehr anschaulich, dass ein Laborwert nicht unabhängig vom biologischen Lebensabschnitt betrachtet werden sollte.

Ein Cholesterinwert, der sich bei einer Frau über viele Jahre kaum verändert hat, kann sich in der Lebensmitte verschieben, ohne dass sich ihre Ernährungsgewohnheiten wesentlich geändert haben.

Das ist kein Beweis für eine beschleunigte Alterung, aber ein Hinweis darauf, wie stark hormonelle Übergänge bestimmte Stoffwechselprozesse beeinflussen können.

Auch unsere Knochen folgen einem eigenen Zeitplan

Ein weiteres Beispiel ist der Knochenstoffwechsel.

Unsere Knochen befinden sich während des gesamten Lebens in einem ständigen Umbau. Alte Knochensubstanz wird abgebaut und neue aufgebaut.

Wie gut dieses Gleichgewicht funktioniert, hängt unter anderem von hormonellen Faktoren, körperlicher Belastung, Ernährung und dem allgemeinen Gesundheitszustand ab.

Östrogene spielen bei der Regulation des Knochenabbaus eine wichtige Rolle.

Mit dem Rückgang der Östrogenproduktion nach der Menopause kann sich der Knochenverlust deutlich beschleunigen.

Bei Männern nimmt die Knochendichte im Durchschnitt eher kontinuierlich ab, während Frauen in den Jahren um und nach der Menopause häufig einen ausgeprägteren Rückgang erleben.

Auch hier wird deutlich, dass das kalendarische Alter allein nur begrenzt Auskunft über den biologischen Zustand eines Gewebes gibt.

Zwei gleichaltrige Frauen können eine sehr unterschiedliche Knochendichte aufweisen. Ebenso können sich ihre Muskelmasse, ihre körperliche Leistungsfähigkeit und ihr individuelles Frakturrisiko erheblich unterscheiden.

Das biologische Alter ist deshalb keine einzelne, eindeutig messbare Größe.

Es setzt sich vielmehr aus vielen verschiedenen Merkmalen zusammen, die nicht zwangsläufig im gleichen Tempo altern.

Was haben Schlaf und Chronobiologie damit zu tun?

Besonders spannend finde ich die Frage, wie sich diese langfristigen Veränderungen auf unsere inneren Rhythmen auswirken.

Wir wissen, dass sich der Schlaf im Laufe des Lebens verändert. Tiefschlafanteile nehmen häufig ab, nächtliche Wachphasen werden häufiger und auch die zeitliche Lage des Schlafes kann sich verschieben.

Zudem verändern sich mit zunehmendem Alter bestimmte Eigenschaften des zirkadianen Systems.

Die innere Uhr bleibt zwar grundsätzlich aktiv, doch die Stärke und zeitliche Abstimmung einzelner Rhythmen können sich verändern.

Bei Frauen kommt hinzu, dass Sexualhormone mit verschiedenen Mechanismen der Schlafregulation in Verbindung stehen.

In der Perimenopause können schwankende Hormonkonzentrationen, Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen den Schlaf erheblich beeinträchtigen.

Doch nicht jede Schlafstörung während der Wechseljahre ist unmittelbar hormonell verursacht.

Auch Stress, Lebensgewohnheiten, Erkrankungen und Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus können eine Rolle spielen.

Umgekehrt beeinflusst unzureichender Schlaf wiederum zahlreiche Stoffwechselprozesse, darunter die Glukoseregulation, den Appetit und die hormonelle Stressantwort.

Hier zeigt sich ein wichtiger Zusammenhang zwischen Chronobiologie und gesundem Altern.

Unsere biologischen Rhythmen sind nicht nur Begleiterscheinungen körperlicher Veränderungen. Sie können selbst Einfluss darauf nehmen, wie gut Stoffwechselprozesse reguliert werden und wie wir auf Belastungen reagieren.

Allerdings lässt sich aus der Human Phenotype Project Studie allein nicht ableiten, dass die Menopause die zirkadiane Uhr beschleunigt oder grundsätzlich verändert. Dafür sind gezielte chronobiologische Untersuchungen erforderlich.

Können unsere verschiedenen biologischen Uhren unterschiedlich schnell gehen?

In der Alternsforschung wird zunehmend versucht, das biologische Alter mithilfe verschiedener Messverfahren zu bestimmen.

Neben klassischen Blutwerten werden beispielsweise epigenetische Veränderungen untersucht. Dabei geht es um chemische Markierungen an der DNA, deren Muster sich im Laufe des Lebens verändern können.

Auf dieser Grundlage wurden sogenannte epigenetische Uhren entwickelt.

Andere Verfahren nutzen Stoffwechselprodukte, Proteine oder physiologische Funktionsparameter.

Interessant ist, dass diese unterschiedlichen Methoden nicht immer zum gleichen Ergebnis kommen.

Ein Mensch kann beispielsweise hinsichtlich bestimmter Stoffwechselmarker günstige Werte aufweisen, während andere Messgrößen bereits deutliche altersbezogene Veränderungen zeigen.

Das verdeutlicht, warum wir vorsichtig sein sollten, wenn von einem einzigen biologischen Alter gesprochen wird.

Unser Körper besitzt nicht eine Uhr, die für alle Organe und Funktionen gleichermaßen die Zeit vorgibt.

Vielmehr gibt es verschiedene biologische Prozesse, deren zeitliche Entwicklung miteinander verbunden ist, die aber auch unabhängig voneinander verlaufen können.

Die zirkadiane Uhr und die sogenannten biologischen Altersuhren messen dabei unterschiedliche Dinge. Die eine organisiert Abläufe innerhalb des Tages, während die anderen versuchen, langfristige altersbezogene Veränderungen abzubilden.

Gerade das Zusammenspiel dieser verschiedenen Zeitebenen ist ein interessantes Forschungsgebiet.

Bedeutet das, dass wir unser biologisches Altern beeinflussen können?

Die Erkenntnis, dass biologische Alterungsprozesse unterschiedlich verlaufen, führt zwangsläufig zu einer weiteren Frage.

Wenn verschiedene Körpersysteme unterschiedlich schnell altern, können wir diese Prozesse möglicherweise auch unterschiedlich beeinflussen?

Tatsächlich gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass unsere Lebensweise für die langfristige Gesundheit eine wichtige Rolle spielt.

Regelmäßige körperliche Aktivität unterstützt den Erhalt von Muskelmasse, Knochengesundheit und Stoffwechselfunktion.

Eine ausgewogene Ernährung trägt dazu bei, den Körper ausreichend mit Energie, Proteinen und essenziellen Nährstoffen zu versorgen.

Auch Schlaf und regelmäßige Tagesrhythmen sind für die Regulation vieler physiologischer Prozesse von Bedeutung.

Besonders interessant aus chronobiologischer Sicht ist, dass nicht nur unser Verhalten selbst, sondern teilweise auch dessen zeitliche Organisation eine Rolle spielt.

Licht am Morgen, regelmäßige Schlafenszeiten und ein möglichst stabiler Wechsel zwischen Aktivität und Erholung helfen dabei, das zirkadiane System mit dem äußeren Tag-Nacht-Rhythmus abzustimmen.

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass wir durch eine perfekte Tagesroutine sämtliche Alterungsprozesse aufhalten könnten.

Ebenso wenig bedeutet ein günstiger biologischer Altersmarker automatisch, dass das individuelle Erkrankungsrisiko entsprechend niedrig ist.

Die Forschung liefert uns zunehmend interessante Einblicke, aber viele Zusammenhänge sind noch nicht vollständig verstanden.

Altern ist kein gleichmäßiger Countdown

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus diesen Untersuchungen.

Wir altern nicht einfach nur Jahr für Jahr in einem gleichmäßigen Tempo.

Unsere Organe, Gewebe und Stoffwechselprozesse folgen unterschiedlichen zeitlichen Entwicklungen. Hormonelle Lebensphasen können diese Entwicklung beeinflussen, und bei Frauen stellt die Menopause offenbar einen besonders bedeutsamen Übergang dar.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen ab der Lebensmitte zwangsläufig schneller altern als Männer.

Es bedeutet vielmehr, dass bestimmte biologische Veränderungen bei ihnen in einem engeren zeitlichen Zusammenhang auftreten können.

Für mich zeigt sich darin einmal mehr, wie wichtig es ist, den menschlichen Organismus nicht als eine Ansammlung voneinander unabhängiger Funktionen zu betrachten.

Hormone, Stoffwechsel, Schlaf und biologische Rhythmen stehen in einem komplexen Wechselspiel.

Und vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten Perspektiven der modernen Chronobiologie: Nicht nur zu verstehen, wie unsere innere Uhr den einzelnen Tag organisiert, sondern auch, wie biologische Zeitstrukturen unsere Gesundheit über das gesamte Leben hinweg begleiten.

Denn unser kalendarisches Alter können wir nicht verändern. Wie wir mit unseren biologischen Rhythmen leben und welche Voraussetzungen wir für gesundes Altern schaffen, können wir dagegen zumindest teilweise selbst beeinflussen.

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Wissenschaftliche Quellen

Reicher L. et al. (2024). Phenome-wide associations of human aging uncover sex-specific dynamics. Nature Aging.

Centers for Disease Control and Prevention. National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES). Öffentliche Datensätze zu Hormonen, Lipiden, Lebergesundheit und Knochendichte.

Travison T. G. et al. (2017). Harmonized Reference Ranges for Circulating Testosterone Levels in Men of Four Cohort Studies in the United States and Europe. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism.

 

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